Kurze Geschichten:

 

Das verlorene Schäfchen

 

Die Menschen drängten sich im Hauptbahnhof Frankfurt am Main wie nie zuvor. “Halte dich gut fest!”, hatte seine Mutter gesagt. In beiden Händen trug sie grosse Taschen. Er hatte sich an den Henkel der einen Tasche an ihrer Seite angeklammert. Da stieß ein dicker Mann an ihn, quetschte ihn zwischen andere Leute. Er liess los, musste loslassen. Er kam nicht mehr weiter. – Aber Mami…..! Wo war Mami? Sie hatten ihn von ihr weg gerissen! – “Mamiiiiii!” – Irgendwoher kam ihre Stimme. Oder?—- Nein, er würde nicht weinen! Er war kein Baby mehr. – “Mamiiiiii!” – Er wird bald eine kleine Schwester haben. Die wird ein Baby sein. Er weint nicht. Er ist schon ganz groß! Er ist fünf Jahre alt, fast erwachsen. Und er ist ein Mann, der weint nicht! – Ein bisschen Schlucken, das ist ja kein Weinen. Sie wollten nach Hause fahren, nach Homburg. Homburg? Dort wollte er mit Mami hin. Konnte er die Bahn nicht selber finden? Wenn er in den Zug steigen würde und damit nach Homburg fahren könnte. Vom Bahnhof aus wusste er den Weg nach Hause.

Da kam eine Stimme aus dem Lautsprecher:” In wenigen Minuten fährt der Zug nach Hamburg ab. Bitte einsteigen!- Türen schließen!” Die hastenden Menschen hatten ihn weiter gedrängt nach einem Bahnsteig hin. Da war ein Zug. “ Homburg?” – “Ja Kleiner, Hamburg. Mach schnell. Der fährt gleich ab.”- Und zu allem Überfluss:”Deine Mutti wartet sicher schon auf dich. Schnell, Kleiner!”- Wie er das hasste, wenn man “Kleiner” zu ihm sagte. Er war groß! – So! – Eilig kletterte er in den nächsten Wagen, den er gerade noch erreichte. Ein fremder Mann hob ihn freundlich die hohen Stufen hoch:” Jetzt aber schnell zu deiner Mutter!”

Der Zug war voll. Mühsam kletterte er an den Reisenden vorbei, über Taschen und Gepäck stolpernd, das man auf dem Boden abgestellt hatte. Mami war nirgends zu finden. Jemand öffnete ihm eine schmale Türe:” Musst wohl aufs Klo, Jungchen? Komm, da ist das. Kannst du schon alleine gehen? Großer Junge!” Auch gut! Plötzlich merkte er, dass er tatsächlich musste. Er konnte das schon lange alleine. Einige Tropfen fielen auf die Unterhose. Aber das sieht ja keiner. Ist die blaue Hose darüber und der Anorak.Das Waschbecken war fast zu hoch für ihn. Aber das Wasser kam, als er die Hände hinein hielt, ohne dass an einem Hahn zu drehen war. Und Papier war da als Handtuch! Wie im Karstadt! Neugierig spielte er einen Augenblick mit dem Wasser, hielt den Finger darunter, zog ihn wieder weg, hielt ihn wieder darunter— weg. Der Wasserstrahl reagierte jedesmal. Er kicherte. Jemand klopfte an die Türe: “He Jungchen, bist du ins Klo gefallen?”

Das fragt Sam auch immer, wenn er zu lange im Bad bleibt. Er kannte den Unterton in der Stimme gut. Sam wollte, dass er “Vati” zu ihm sagte. Aber er wollte das nicht. Er sagte “Sam”. Sein Vati war im Himmel. Das wusste er genau. Die Berliner Omi weinte immer, wenn sie´von ihm sprach. So lange er denken konnte war er mit Mami alleine gewesen, bis Sam gekommen war. Und nun war auch noch ein Schwesterchen unterwegs!

Ein Mann öffnete die Türe einen Spalt weit, die er, wie zu Hause, nicht abgeschlossen hatte. Das solle er nie tun, hatte Mami gesagt, weil er vielleicht das Schloss nicht mehr auf bekäme. Mami! Er schluckte. -”Bin fertig”, verkündete er.

Dann war da wieder der volle Flur. Er versuchte hindurch zu kommen. “Gott, Kind, du kannst doch hier nicht immer hin und her! Du siehst doch wie voll es ist! Wo ist den deine Mutter?” Eine ältere Frau beugte sich über ihn. – “Das weiss ich nicht”, antwortete er. Hatte seine Stimme ein wenig weinerlich geklungen? -” Pass auf. Deine Mutter sucht dich bestimmt. Aber  wenn du ständig durch die Gegend rennst, wird sie dich nie finden. Also bleib hier. Wir sagen dem Schaffner Bescheid wenn er kommt, ja? Ich habe einen Platz. Du kannst dich auf meinen Schoß setzen.” Dankbar kroch er auf den Schoß der fremden Frau. Aber als sie ihm eine Banane anbot, lehnte er ab:” Meine Mami hat gesagt, ich soll von fremden Leuten keine Süßigkeiten annehmen”, entschuldigte er sich. Die Frau lächelte: “Sieh da, ein folgsamer Junge. Ich habe zwei Enkelkinder in deinem Alter. Hoffentlich sind sie auch so folgsam wie du. – Aber zapple nicht so herum. Du trittst mir ja ans Schienbein!” – “Oh, Entschuldigung!” Er wusste nicht, warum er so unruhig war. “Der Zug fährt aber lange”, sagte er nach einer Weile.”Gestern waren wir viel schneller in Homburg”. “Homburg? Du meinst Hamburg, nicht wahr?” Ein merkwürdiges Gefühl kroch in seinen Bauch, war dann aber wieder weg. Warum sagte sie ‘Hamburg’ zu ‘Bad Homburg‘? Vielleicht wohnt sie nicht hier und weiss es nicht richtig”, überlegte er.”Vielleicht wissen nicht alle Leute, dass man zu Bad Homburg oft einfach nur Homburg sagt. Die meisten Leute sagen so. Zumindest alle Erwachsenen. Im Kindergarten die Tanten und die Kinder auch. Aber jetzt “Hamburg”? Die alte Frau unterbrach seine Überlegungen:”Soll ich dir eine Geschichte erzählen, damit es nicht so langweilig ist?” – “Au ja!” Sie begann:”Vor alten Zeiten gab es einen König und eine Königin….” Er lauschte hingerissen und hätte sie gerne weiter gehört. Aber da kam die Schaffnerin und verlangte die Fahrkarten. “Und der Kleine?” – “Er hat seine Mutter irgendwo hier im Zug verloren. Ich habe mich ein bisschen um ihn gekümmert. Allerdings muss ich bald aussteigen. Und wenn sie bis dahin nicht gefunden ist?” – “Wir werden uns darum kümmern. Danke für Ihre freundliche Hilfe. Ich fürchte, seine Mutter wird sich schon Sorgen machen. Seltsam, dass sie sich noch nicht an uns gewandt hat. Ich nehme ihn mit in unser Dienstabteil und lasse ihn ausrufen. Wie heißt du denn?” – “Ich? Torsten” – “Und weiter?” – “Torsten Schneider”. – “Gut, Torsten. Bedanke dich bei der netten Dame, die dich so lieb betreut hat, und komme mit mir.” – “Und die Geschichte?” – “Das müssen wir jetzt lassen”, kam es überraschend barsch. ”Jetzt ist erst mal wichtig, dass deine Mutter erfährt wo du steckst.- Tschüss Ausreißer!”-

Der Gang vor den Abteilen war weiter vorne im Zug nicht mehr so voll. Dennoch bedurfte er der Hilfe der Schaffnerin um durch die vielen Waggongs endlich ans Ziel zu gelangen. In alle Abteile an denen sie vorbei kamen hatte sie ihn schauen lassen, um irgendwo seine Mutter zu entdecken. Sie fanden sie nicht. Mehr und mehr klammerte sich Torsten an die Hand der Beamtin. Kaum angekommen, wurde die Durchsage gemacht:”Torsten Schneider sucht seine Mutter. er ist im Dienstabteil Wagen 1. Bitte holen Sie das Kind umgehend ab!” Niemand kam. Plötzlich begann er wieder zu zappeln. – “Musst du aufs Klo?” Er nickte. “Komm!” Diesmal hatten sie keinen weiten Weg zur Toilette. Die Schaffnerin ging, als wolle sie ihn keinen Moment allein lassen, mit hinein und war ihm behilflich. “Ich muss auch eine Dicke”, stammelte er verlegen. “Kein Problem. das ist natürlich. Du regst dich doch auf, nicht wahr?” Sie half ihm schnell aus den Hosen und setzte ihn auf die Toilette. Sie selbst ließ sich auf den metallenen Abfallkorb gegenüber nieder und hielt ihn an den Händen fest. Er genierte sich sehr. Sie betrachtete sein Gesicht mit schräg gestelltem Kopf:”Bist du ganz sicher, dass deine Mutti in diesen Zug wollte? Wo wohnt ihr denn?” – “Wir? Wir wohnen in Bad Homburg.” – “Und da wolltet ihr hin?” – “Ja, natürlich, nach Hause!”- Die Schaffnerin blies die Backen auf und stieß dann die Luft zischend durch die Zähne:”Da haben wir endlich die Lösung des Rätsels! Bubi, du bist in den falschen Zug eingestiegen! Dieser Zug fährt nach Hamburg. Das ist eine große Stadt am Meer, weit weg von eurem Bad Homburg. Du hättest im Bahnhof die Rolltreppe runter fahren müssen. Da unten ist die S-Bahn, die hättest du nehmen können. Da wollte deine Mutti hin!”

Es war gut, dass ihn die Beamtin an den Händen fest auf die Toilette drückte. Zugleich mit einem Schrei und dem Versuch aufzuspringen löste sich aus seinen Gedärmen eine wahre Sturzflut. Er vergaß vor Schreck sich zu schämen. Tränen rannen aus seinen Augen. Die Nase lief. -”Nun, nun, beruhige dich”, sagte seine Beschützerin. Auch das ist keine Katastrophe. Wir haben ein Diensttelefon und werden, wenn du hier fertig bist, telefonieren. Deine Mutti hat dich sicher gesucht. Wir rufen die Polizei an und die wird deiner Mutti sagen wo du bist. Die arme Frau! Die mag sich Sorgen gemacht haben. Aber das ist in wenigen Minuten vorbei. Sieh zu, dass du fertig wirst.”

Als sie wieder im Abteil saßen hatte er sich etwas beruhigt. Trotzdem wurde ein ganzes Päckchen Papiertaschentücher aufgebraucht, das ihm ein Kollege der Schaffnerin zugeschoben hatte, als er sah, wie Tränen und Rotz das rot aufgeschwollene Gesichtchen verschmierten. Dann hatte dieser, als er erfahren hatte welches Unglück dem kleinen Jungen widerfahren war, sofort telefoniert und kam mit der guten Nachricht zurück, dass Torstens Eltern nun wussten wo er sich befand.

In der Zwischenzeit hatte die Beamtin Butterbrote ausgepackt und vor das Kind auf einen Pappteller gelegt. Sie meinte, er müsse Hunger haben. Bis zum nächsten Halt würde noch einige Zeit vergehen, und ein tüchtiges Stück Brot sei immer gut für traurige Kinder. Torsten hatte eigentlich keinen Appetit. Aber er wagte nicht zu widersprechen und aß alles auf. Dann bekam er einen Becher voll Hagebuttentee, den die freundliche Beamtin in einer Thermoskanne hatte, die sie aus einer großen Tasche holte. Es war fast, als hätte sie vorher gewusst,dass sie heute noch einen kleinen Gast bewirten müsse. Dabei plauderte sie fröhlich um Torsten aufzuheitern und zu beruhigen. -”Wie nett die alle zu mir sind”, dachte er. Er saß am Klapptisch, stützte seinen Kopf mit der Hand und sah Frau Welsch, so hatte der Kollege sie angesprochen, aufmerksam an. Sie war noch sehr jung. Eine blonde Haarsträhne, die sie immer wieder zurück strich, fiel über ihre Stirn. Ihre Augen waren braun und groß. Die Lippen hatte sie leicht geschminkt. Sie trug eine dunkelblaue Uniform, fast wie die Stewardessen, die er am Flughafen gesehen hatte, als sie Sam einmal dort abgeholt hatten.

Als der Zug hielt kamen ein Polizist und eine Politesse ins Abteil. – ”Werde ich jetzt verhaftet?” Mit großen, erschrocken aufgerissenen Augen platzte die Frage aus ihm heraus. Die Leute in den Uniformen lachten. “Nein”, beruhigte ihn der Polizist. “Du warst zwar sehr leichtsinnig ohne deine Mutter in den Zug zu steigen, aber ein Verbrecher bist du nicht. Nur ein unglücklicher Junge, der sich verlaufen hat. Du bleibst in unserem Büro. Deine Eltern wollen kommen und dich dort abholen. Sie sind schon unterwegs.Die haben dich verzweifelt gesucht. Überall, das kannst du mir glauben.” – “Ich weiss”, kam es kleinlaut zwischen den verkniffenen Lippen des Kindes hervor. – “Er hat den Ausruf für den Zug nach Hamburg mit ‘Homburg’ verwechselt und stieg daher in die falsche Bahn”, verteidigte ihn die Schaffnerin.” das hätte auch einem Erwachsenen, besonders einem Ausländer, passieren können.” Sie wandte sich an ihren Schützling: “ Mach’s gut, Torsten! Bist ein prima Junge, ein wirklich tapferer Bursche!” Das war sehr lieb von ihr. Er verstand das eigentlich nicht, hatte sie doch seinen Tränenausbruch und das schrecklich Peinliche auf der Toilette mit erlebt. Jetzt schämte er sich noch dafür. Dann fiel ihm ein, was man gesagt hatte: Mami würde kommen und ihn abholen! Hier abholen!- Wo waren sie? Wo hatte der Zug gehalten? Egal! “Abholen” hatte der Mann gesagt. Endlich! Er machte einen kleinen Hüpfer neben dem Polizisten, der ihn an die Hand genommen hatte. -”Na junger Mann, erleichtert? Jetzt hat die Reise bald ein Ende, was?”.

Im Polizeibüro staunte er über die vielen Computer, Schreibmaschinen und Telefone in einem einzigen Zimmer. So etwas hatte er noch nie gesehen. Draußen vor den großen Fenstern wurde es dämmrig. War das schon der Abend? Sehnsucht nach seinem Bettchen mit der bunten Steppdecke überkam ihn. Er gähnte. Da öffnete die Polizistin ein kleines Nebenzimmer. Es war weiß gestrichen. An den Wänden standen Regale voller Aktenordner. In einer Ecke hatte jemand auf einer Klappliege ein Bett gemacht auf dem eine graue Wolldecke lag. -”Kein richtiges Kinderzimmer”, sagte die Polizistin,”aber ich dachte, dass du vielleicht nach all den Abenteuern müde sein würdest? Und wenn du schläfst vergeht die Zeit schneller, die deine Eltern für die Fahrt nach hier brauchen. Hast du Hunger? Nein? Und zur Toilette musst du nicht?” Er schüttelte den Kopf und war froh, als er sich unter die häßliche Wolldecke kuscheln konnte. Nicht ganz so gut wie sein Bett zu Hause, aber immerhin!

Er wurde wach als er Mamis Stimme hörte und ihre Hände auf seinem Gesicht fühlte. Dann sah er Sam. -“Sie sind sein Vater?”, fragte ein Beamter. “Ja”, hörte er Sam sagen. Seine Mutter zog die graue Decke zurück. “Komm Spatz!” Ihre Hand schob sich unter seinen Kopf. “Lass mich”, sagte Sam, “der Junge wird langsam zu schwer für dich.” Er wickelte ihn in die rotkarierte Decke aus seinem Auto, die er mitgebracht hatte, und hob ihn hoch. Seine Arme fühlten sich stark und warm an, und auf einmal viel besser als alles auf der Welt. – ”Na, da haben wir ja unser verlorenes Schäfchen wieder”, murmelte Sam und stupste mit seiner großen Nase zärtlich auf Torstens kleine. Plötzlich war alles wieder gut! – “Komm, im Auto kannst du weiter schlafen”.- Der Junge legte seinen Kopf auf die breite Schulter seines Stiefvaters. “Ja, Vati”, sagte er.

 

Spaceshuttle zum Io

 

Die Sonde zum Mars war endlich erfolgreich gelandet. Ob es Leben auf dem Mars gab? Man sprach von einem “phantastischen Erfolg” der Weltraumbehörde. Man hoffte, dass dieses Ereignis zur Wiederwahl des bisherigen Präsidenten beitragen würde. Dank dieser Berichte glaubten viele seiner Landsleute, dass er als Einziger den Weg in eine positiv ausgerichtete amerikanische Zukunft garantieren könne. Was zählten da schon wirtschaftliche Probleme oder ein ungerechtfertigter Krieg? Den Triumph der Marssonde sollte man, wenn möglich, noch überbieten! – Man wollte bemannt zu einem anderen Planeten fliegen! Vielleicht zum Jo? Da kam eine Pressemeldung gerade recht:

In einer deutschen Stadt namens “Bodenwerder”, von der man in den USA nie gehört hatte, war angeblich von einer Forschungsgesellschaft ein Patent angemeldet worden. Eine bis dato unbekannte Beschichtung ermögliche es, mit Raumkapseln, die damit abgedichtet wären, unabhängig von den dort herrschenden Bedingungen auf jedem beliebigen Planeten landen zu können. Weder extreme Temperaturen, noch Gas oder schädliche Strahlungen seien in der Lage in den Innenraum zu dringen.Dazu sei sie absolut stoß- und reißfest.

Wie, so überlegten die Amerikaner, könnten sie an das Patent kommen? Sie wussten nichts von anderen Ländern. Darum kannten sie auch nicht die Geschichte eines gewissen Barons von Münchhausen, der vor Jahrhunderten in dieser Stadt gelebt hatte. Sonst wären sie misstrauischer geworden, hätten sich erst mal genau erkundigt, ob die Nachricht von der neuen Erfindung nicht auch nur “ein Ritt auf einer Kanonenkugel” war.

Der Präsident gab intern Order, dass die Erfinder unbedingt davon zu überzeugen seien, dass sie für ihre Entdeckung in den USA weitaus bessere Arbeitsbedingungen vorfinden würden als in ihrem Teil der Welt. Schließlich sei es selbstverständlich für Amerika, dem mächtigsten Land auf dieser Erde, Vorreiter auf allen Gebieten zu sein. Die Europäer seien aus Geldmangel sowieso nicht in der Lage diese Erfindung zu nutzen. Zu ihrer Enttäuschung gelang es ihnen jedoch nicht in irgendeine Verbindung mit der Gesellschaft zu treten, die in den Zeitungen zitiert worden war.

In Bodenwerder lachten sich derweil ein paar junge Leute heimlich in die Fäuste. Diesmal hatten sie “ein großes Ei gelegt”, wie der eine sagte. Er hieß Herbert. Schon in der Schule hatte er seine Lehrer genervt, weil er andauernd neue Geschichten erfunden hatte. Nie stimmten sie, aber immer war das Gelächter seiner Mitschüler auf seiner Seite, denn stets führte das Ergebnis seiner Erzählungen zu einem lustigen Bubenstreich. Man sagte noch viel später, die Klasse, in die er und seine Freunde gegangen seien, sei die lustigste und die listigste Klasse aller Zeiten im Gymnasium gewesen.

Ihrem ‘geheimnisvollen Material’ hatten sie den Namen HABROK gegeben, zusammengesetzt aus ihren Vornamen Herbert, Anton, Bert, Rudolf, Otto und Kurt. In einer Garage hatten sie sich so etwas wie ein Labor eingerichtet, in dem sie, so behaupteten sie, die Erfindung gemacht hätten. Sie ließen jedoch kaum Jemanden hinein. Es sei zu gefährlich, sagten sie. Nur aus der Ferne durften befreundete Journalisten gelegentlich hin schauen, um ihre Artikel zu schreiben. Der Vorteil der Freunde war, dass Herbert ein Chemiker und Bert und Otto Ingenieure waren. Auch die anderen hatten Ausbildungen, die eine Forschertätigkeit zumindest als Hobby wahrscheinlich machten. Rudolf war ein Astronom, Kurt hatte Medizin studiert, arbeitete aber auch an einer einheimischen Zeitung mit.

Über den Rummel, den sie mit ihrer angeblichen Erfindung ausgelöst hatten, amüsierten sie sich. Am meisten über die Annäherungsversuche der Amerikaner. Deren Präsident war sehr empört darüber, dass es seiner Mannschaft noch nicht gelungen war, die ’Erfinder einer so wichtigen Sache’ in die Staaten zu holen. Darum schickte er schließlich selbst Colonel Bloomenhower vom streng geheimen ’Pentagon Office for Maintenance of Absolute Security in America at All Times’ nach Europa und ’ganz zufällig’ nach Bodenrode.

Die Freunde bereiteten sich auf den hohen Besuch vor. Im Hintergrund der Garage hatten sie einen riesengroßen Luftballon aufgeblasen und mittels einer unsichtbaren Nylonschnur mit der Türe verbunden. Er platzte mit einem gewaltigen Knall, als der hohe Gast den Raum betreten wollte. Erschrocken rannten alle davon. Man war nun sicher, dass Terroristen an dem Geheimnis interessiert seien! Herbert und seine Freunde nahmen den Schrecken, den sie ausgelöst hatten, zum Anlass publik zu machen, die Explosion, die man gehört habe, hätte die Aufbaustoffe zur Kapselbeschichtung zerstört. Der Computer war denn auch, wie man feststellte, tatsächlich kaputt. “Leider mit ihm alle Aufzeichnungen, alle Unterlagen”. Man müsse “mit der Forschungsarbeit ganz von vorne anfangen.”

Das sollten sie nun in den USA tun! Die Amerikaner hielten die Versprechen, die sie den Freunden gemacht hatten, und denen diese letztendlich nicht widerstehen konnten, sorgfältig ein. Die jungen Männer erhielten traumhafte Stellen an den Universitäten von South-East Arizona und North-West Florida; mit ebenso traumhaften Gehältern. Ihre Familien wohnten in großen Villen, umsorgt von diensteifrigem Personal. Aber nie mehr wurde das begehrte HABROK noch einmal erfunden.

Der Präsident geriet in Not. Der Wahltermin rückte immer näher. Was sollte er tun? Aus den Rücklagen der Firmen, die seine Familie besaß, nahm er auf Anraten seines engsten Vertrauten einige Millionen Dollar. So tauchten sie nicht im Haushaltsbudget der Regierung auf. Damit bezahlte er im Geheimen die Metro-Gladwyn-Meyer Filmgesellschaft. Die drehte, in der Wüste von Arizona versteckt, einen Film von der Landung einer bemannten Raumkapsel auf dem Io. Die Kulissen waren ungewöhnlich gut geraten. Nichts fehlte, um die Darstellung zu einem echt wirkenden “Fake” zu machen.

Stolz stellte sich der Präsident dem Fernsehen um das “Ereignis” zu kommentieren. Seine eng beieinander stehenden Augen starrten in die Kamera, schon während er in Cowboystiefeln und einer Fliegerjacke ans Rednerpult schritt. Er bemühte sich, Begeisterung auszustrahlen, als er seine Rede ablas. Dann wurde der Film gezeigt. Kaum jemandem fiel auf, dass der Start der Kapsel gezeigt wurde, aber zuvor nie ein solcher von einer der NASA-Basen gemeldet worden war.

Von den Freunden habe ich übrigens schon lange nichts mehr gehört. Ob sie noch in den Staaten arbeiten? – Ich versichere eidesstattlich: Nicht durch sie waren mir die wahren Umstände von der “Landung auf dem Io” bekannt geworden.

 

Aus dem Kapitel aus der Jammerhecke:

 

Im Angesicht des Herren

 

…….           Aufs Stück wollte er, hatte er gesagt, weil einige Pflanzen noch vor dem Frost zu schützen gewesen wären. Er wollte sehen, ob ihnen der Frost letzte Nacht geschadet hatte.

Wilhelm unterdrückte den Hustenanfall, bis er aus dem Dorf war, dann lehnte er sich an den Stamm eines Obstbaumes, der am Weg stand und überließ sich für eine ihm endlos vorkommende Zeit dem Husten, der ihn schüttelte wie nie zuvor, ihn in sich zusammenbog und lange nicht wieder losließ. Danach versuchte er durchzuatmen. Es stach in den Lungen. Langsam kam er wieder zu sich, straffte sich und versuchte erste, zögernde Schritte vom Baum weg, an den er sich gelehnt hatte, um nicht umzusinken. Er sah um sich. Vor ihm war der Weg, der zum Stück führte, und dann in einem Bogen daran vorbei weit auf die Höhe zur Jammerhecke. ………..

…….. Wilhelms Gedanken waren weit weg davon. Er sah auf dem gegenüber liegenden Berg späte Morgennebel wehten, die wie Gespensterfrauen ihre langen weißen Schleier hinter sich herzogen. Der Himmel war milchig. Komisch, dachte er, wenn es so ist, ist meist kein Frost. Aber heute Nacht war es wohl kalt und klar gewesen. Der Nebel hinterließ Reif auf den Bäumen und bald sah alles wie gepudert aus. Die starren Gräser, die er mit den Füßen streifte, knisterten. Langsam setzte er Schritt vor Schritt, sorgsam bedacht, sich den Atem so einzuteilen, daß das Stechen in den Lungen nicht zu arg wurde.

“Ich werde daran sterben”, dachte er ganz sachlich. “Ich werde bald sterben.” – Am Stück angekommen, setzte er sich auf die Bank vor dem neuen Schuppen. Einen Moment ausruhen wollte er. Er sah nach den Pflanzen, die er noch hatte abdecken wollen. Das Tannenreisig hatte ihm der Forstgehilfe wie versprochen neben hin gelegt. Dankbar dachte er, daß es Leute gebe, die mitdenken, wenn sie einem was Gutes tun. Der Junge hatte das Reisig so hingelegt, daß er es nur noch verteilen brauchte. Er erhob sich. Es fiel ihm schwer, sich zu bewegen, aber er verteilte die Zweige gleichmäßig auf das Beet. Bei der Arbeit wurde ihm wohler. Er dachte an seinen Garten. Als er fertig war setzte er sich zufrieden wieder auf die Bank und betrachtete sein Stück Land. Die Arbeit vieler Jahre hatte sich gelohnt.

Dann hob er den Blick zum gegenüberliegenden Berghang. Manche Bäume hatten noch ihr Laub, das bunt leuchtete. Die Sonne kämpfte sich langsam durch den Dunst. Als er wieder hustete, spuckte er Blut. “Ich werde sterben”, dachte er wieder. “ Und ich hätte noch so gerne mit Lina und den Kindern gelebt. Wie wird es ihnen gehen, wenn ich nicht mehr für sie sorgen kann? Ob Lina nicht zu viel arbeiten muß? – Ein bißchen bekommen sie ja von meiner Rente und für die Kinder habe ich was zurückgelegt – nicht viel, aber das kann helfen.” Als er an die Kinder dachte, wurde ihm ganz warm ums Herz. Wie sehr er sie liebte! – “Das ist schwer, Abschied zu nehmen, wenn man so liebt”, dachte er dann. “Was hatte der Pfarrer gesagt? Man sollte leben im Angesicht des Herrn? Was hatte er gemeint? – Wer kann das schon? Sind wir nicht alle arge Sünder? – Und wenn man sterben kann im Angesicht des Herrn, wäre das nicht eine größere Gnade?” Wieder blickte er zum Himmel. Die Dunstwolken hatten sich fast ganz verzogen und der Himmel war von einem zarten, durchsichtigen Blau. “Ich möchte sterben im Angesicht des Herrn”, murmelte er vor sich hin, und wieder ”im Angesicht des Herrn”. Er wunderte sich, daß er in die Sonne sehen konnte. Etwas Heißes stieg in seiner Brust hoch ohne daß er dessen richtig gewahr wurde, so sehr war er in die Betrachtung der Sonne vertieft. Blut rann über seine Lippen, aber er schmeckte es nicht. “Herr, erbarm Dich meiner! – Ich möchte sterben im Angesicht des Herrn! – Schütze Lina und die Kinder! – Sie sollen leben im Angesicht des Herrn.” – Er begann zu beten, während er zur Sonne sah. Plötzlich schienen violette Kreise von ihr auszugehen, die anmutig zu ihm herab schwebten und ihn wärmend zu umfangen schienen. Dann war es dunkel um ihn. Er ging einen langen Gang hinab. Er wußte, er mußte ihn gehen, denn hinter ihm war das Dunkel. Er mußte zum Licht. Dabei mußte er durch viele Türen gehen, immer wieder. Endlich kam er in einen Raum, der keinen Boden zu haben schien, der aber von einem wunderbaren Licht erfüllt war. “Spring!” riet ihm eine Stimme. Er konnte nicht sehen, wer das zu ihm sagte, aber er sprang. In der Tiefe des Lichtes wurde er aufgefangen und die Stimme sagte zu ihm: ”Warum fürchtest du dich, ich bin doch bei dir, immer und alle Tage”.

Lina hatte das Essen fertig. “Wo der Willem nur bleibt?” Sie machte sich Sorgen. “Er wollte doch nur das Beet zudecken!” Der Nachbar kam. Als er hörte, daß der Willem noch nicht zurück war, erbot er sich zu gehen und nachzusehen. Er brachte Lina die Nachricht vom Tod ihres Mannes.